[Rezension] Sibylle Schreiber - Ich wollte immer mal einen Liebesbrief schreiben...

Rückentext:
Hast du manchmal Angst, die falsche Entscheidung zu treffen?
Solltest du auch! Denn harmlose Situationen können zu den schrecklichsten Ereignissen des Lebens werden - und das nur durch einen unscheinbaren Moment, der plötzlich über Leben und Tod entscheidet. Der schöne, fremde Mann, der nicht ist, was er scheint, eine Frau, die eine Höllennacht allein im Wald erlebt, ein vegetarischer Junge wider Willen, der in einen Blutrausch verfällt und eine todkranke Frau, die Menschen verschwinden lässt. Du glaubst, das kann dir nicht passieren?! Es sind Menschen wie du und ich, die eine Entscheidung treffen, und manchmal ist es die Falsche. Du hast allen Grund, Angst zu haben!
Sibylle Schreiber gelingt es, in extrem verdichteten Texten eine beunruhigende Atmosphäre aufzubauen. Schonungslos, erotisch, humoristisch sind ihre Geschichten, die zum Teil erst in der letzten Zeile eine unerwartete Wendung nehmen. Lesen auf eigene Gefahr!

Meine Meinung:
Zu diesem Buch kam ich direkt über die Autorin Sibylle Schreiber und da sich der Rückentext doch wirklich sehr spannend liest, sagte ich nur zu gerne zu, das Buch zu lesen. Leider traf es dann in einer ziemlich stressigen Zeit bei mir ein und ich fürchtete schon, den Geschichten nicht die Aufmerksamkeit schenken zu können, die sie verdienten. Doch wie sagt man so schön: jedes Buch zu seiner Zeit. "Ich wollte immer mal einen Liebesbrief schreiben..." traf zum richtigen Zeitpunkt ein, denn so konnte ich nach einem stressigen Tag stets mit einer neuen Geschichte beenden und mit einem angenehmen Gefühl von Grusel zu Bett gehen. Besser hätte es für mich nicht sein können. Dies erklärt auch, weshalb meine Rezension später als normal kommt.

Während des Lesens der Geschichten, die oftmals kaum länger als zwei Seiten sind, zeigt sich Schreibers Vielfältigkeit. Es gibt wohl kaum ein Thema, das sie nicht beschrieben hat oder eine Sphäre, die ihr unbekannt. So kann die Autorin von düster zu humorvoll zu sexy wechseln, alles ganz kurz nacheinander. Auch die ernsten Themen des Lebens kommen nicht zu kurz. Dabei schafft es Schreiber, diese schweren Inhalte so kurz und prägnant zu Papier zu bringen, dass es kein weiteres Wort mehr benötigt. Was manche Autoren auf 300 Seiten gerade mal oberflächlich berühren, kann Sibylle Schreiber auf drei Seiten auf den Punkt bringen.

Und auch dies zeigt das Talent eines Schriftstellers. Nicht alles lang und breit austreten, sondern konzentriertes Fokussieren auf das Wichtige. Auf die Emotionen, die Umstände, die Hintergründe. Schreibers Geschichten bleiben im Kopf, hinterlassen teilweise einen faden Nachgeschmack, den man nicht mehr loswird. Genau solche Geschichten mag ich. Jene, die einen nicht mehr loslassen, im Kopf herumschwirren und einem immer wieder einen kleinen Stich verpassen.

Natürlich gefallen einem Leser nicht immer alle Kapitel gleich gut, aber auch hier zeigt sich ein Vorzug von Schreibers Wandlungsfähigkeit. In "Ich wollte immer mal einen Liebesbrief schreiben..." findet sich für (fast) jeden Leser etwas. Solange er mit den Abgründen der menschlichen Seele zurecht kommt oder sich dafür interessiert. Meine Lieblingsgeschichten waren "Heimat", "Ex und Hopp" und "Schlagzeilen", wovon es auf Youtube sogar eine Verfilmung gibt (die ich mir natürlich auch angesehen habe).

Trotz Sibylle Schreibers Talent auf Kurzstrecken wäre ich sehr neugierig darauf, ein Buch in voller Länge von ihr zu lesen. Vor allem, wenn es eines jener wäre, die sich an Stephen King orientieren. Manchmal, wenn ich zwei Geschichten hintereinander las, fand ich es etwas anstrengend, dass man von einem extremen Gefühl ins nächste kippt (z.B. von Suspense ins Drama). Dies muss nicht für alle Leser gelten, nur mir persönlich erging es manchmal so.

"Ich wollte immer mal einen Liebesbrief schreiben..." war eine packende und intensive Leseerfahrung, die ganz nach meinem Geschmack war. Das Buch ist wie eine bunte Mischung Haribo - man weiss nie, was man als nächstes kriegt und genau darin liegt das Besondere dieses Werks.


Sibylle Schreiber
Ich wollte immer mal einen Liebesbrief schreiben...
TB, 2016
Formidabel

978-3-946569-04-6

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