[Rezension] Carel van Schaik & Kai Michel - Das Tagebuch der Menschheit
Rückentext:
Meine Meinung:
Dieses Buch ist aktuell in aller Munde und immer wieder begegnen mir Rezensionen dazu. Schon vor Erscheinen hatte ich mich in der Onleihe auf die Warteliste gesetzt. Ja, es gab tatsächlich eine Warteliste, so gross war der Run auf diesen Titel.
Gott wirft Adam und Eva aus dem Paradies, die Arche Noah übersteht die
Sintflut und Jesus von Nazareth erweckt Tote zum Leben - die
faszinierenden Geschichten der Bibel sind fester Bestandteil unserer
Kultur. Und doch stecken sie voller Rätsel und Widersprüche, die auch
jahrhundertelange theologische Kontroversen nicht lösen konnten. Der
Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel legen
nun erstmals eine verborgene Seite der Bibel frei. Sie lesen die Heilige
Schrift nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit, das
verblüffende Einblicke in die kulturelle Evolution des Homo sapiens
bietet.
Meine Meinung:
Dieses Buch ist aktuell in aller Munde und immer wieder begegnen mir Rezensionen dazu. Schon vor Erscheinen hatte ich mich in der Onleihe auf die Warteliste gesetzt. Ja, es gab tatsächlich eine Warteliste, so gross war der Run auf diesen Titel.
Hat sich das Warten gelohnt? Ja, das hat es. Hält
das Buch, was es verspricht? Ja, das tut es.
Anthropologie ist die Lehre bzw. die Wissenschaft
vom Menschen und die beiden Autoren lesen die Bibel aus anthropologischer Sicht.
Schon früher ist ihnen aufgefallen, dass an manchen Bibelstellen etwas nicht
passt oder etwas nicht aufgeht und beide fragten sich, woran das liegen könnte.
Ihre Forschung, die sie fünf Jahre lang betrieben haben, hat die Antwort
darauf: Die Bibel ist ein Tagebuch der Menschheit und zeigt wie kein anderes
Buch die Evolution unserer Gesellschaft vom Sesshaftwerden bis zur heutigen
Gesellschaftsstruktur.
Zu Beginn des Buches erklären Carel van Schaik
(Evolutionsbiologe) und Kai Michel (Historiker), wie sie mit den jeweiligen
Texten arbeiten. Dies machen sie sehr bildlich, sodass der Leser die
Gedankengänge der Autoren direkt nachvollziehen kann. Und was die Autoren zu
Tage fördern ist spannend, aufschlussreich und absolut bemerkenswert.
„Das Tagebuch der Menschheit“ hat bei mir ein
Aha-Erlebnis nach dem anderen ausgelöst. Viele Stellen der Bibel sind
widersprüchlich, dies ist auch mir bei meiner Lektüre aufgefallen. Manche
Geschichten sind wirr und an manchen Stellen konnte ich nur den Kopf schütteln.
Doch nun kommen van Schaik und Michel und erklären, dass jede Geschichte ihren
Daseinszweck hat.
Dabei betrachten van Schaik und Michel die Bibel
hier tatsächlich als eine Art Tagebuch und lösen die Heilige Schrift erst
einmal von der Kirche. Dennoch betonen beide, dass man keine religiösen Gefühle
verletzen möchte und das tun sie auch nicht. Gläubige werden durch die Lektüre
in ihrem Glauben bestärkt (der Gott Israels ist ein starker Gott, der eine
Erfolgsgeschichte ohnegleichen hingelegt hat), aber auch für Atheisten und
Agnostiker interessant ist. Denn die Geschichte des Menschen ist unabdingbar in
derjenigen der Bibel verwurzelt.
Die Lektüre öffnet die Augen für unsere eigene
Geschichte. Wir erfahren, wer wir mal waren, wer wir sind und vielleicht, wohin
wir gehen. „Das Tagebuch der Menschheit“ ist ein aussergewöhnliches Buch, dem
ich viele Leser wünsche. Mir persönlich wurden viele Fragen beantwortet. Manche
sogar, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte.
Mir ist nun einiges klarer. Was die Bibel betrifft,
aber auch bezüglich des Menschen selber. Nun kann ich verstehen, weshalb manche
gesellschaftlichen Konstruktionen nicht funktionieren können, wie es dazu kam,
dass wir in einem patriarchalischen System leb(t)en und warum der alttestamentliche
Gott sich so verhält, wie er es eben tut.
„Das Tagebuch der Menschheit“ erklärt nicht nur die
Bibel, sondern auch den Menschen. Denn beide gehören zusammen. Ohne das Heilige
Buch wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Und das sage ich als überzeuge Agnostikerin.
Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass viele Aussagen
über das Leben vor der Sesshaftwerdung nicht belegt sind und auch, dass die
Quellenangaben sehr, sehr schlicht gehalten sind. Einiges hätte ich gerne noch
selbst nachgelesen, aber die Angaben machen das echt schwer. Hier verlieren die
Autoren ein klein wenig an Glaubwürdigkeit. Dennoch ändert sich für mich
dadurch nichts am Wow-Effekt dieses Buches.

Carel van Schaik & Kai Michel
Das Tagebuch der Menschheit
Das Tagebuch der Menschheit
Was die Bibel über unsere Evolution verrät
E-Book, 2016
Rowohlt
978-3-644-05281-9
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