[Rezension] Lin Yutang - Blatt im Sturm

Rückentext:
Der junge Poya ist von seiner Ehe enttäuscht und ernüchtert. Da lernt er Malin kennen und verliebt sich mehr und mehr in sie. Doch Malins Vergangenheit legt sich wie ein tiefer Schatten über die beiden und so kommt es, dass sie gemeinsam mit Poyas bestem Freund Lao-Peng Peking verlassen muss. Zusammen kämpft sich das ungleiche Paar durch das vom Krieg verwüstete China, doch Malin hat nur ein Ziel: wieder mit Poya vereint zu werden...

Meine Meinung:
"Blatt im Sturm" ist ein Sequel zu den Peking-Büchern Yutang (Rezension zum ersten Teil), doch das wusste ich vor dem ersten Satz gar nicht. Ich dachte eigentlich, dass es ein eigenständiges Buch ist. Doch dann las ich den Namen Poya und schon war ich wieder mittendrin.

Dieser Titel lässt sich auch ohne Vorkenntnisse der anderen Bücher lesen, die Familienbeziehungen werden erklärt und für denjenigen, der die Peking-Bände kennt, warten ein paar schöne Überraschungen und man trifft wieder auf alte Bekannte. Aber im Gegensatz zu den ersten Werken zentriert sich "Blatt im Sturm" ausschliesslich auf Poya, Malin und Lao-Peng.

Doch bald schleicht sich noch eine dritte Hauptperson in die Handlung: der Krieg. Wir befinden uns mitten im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, der nach Kriegseintritt Japans ein Teil des Zweiten Weltkrieges ist.

Wie aus seinen anderen Büchern gewohnt, berichtet Yutang sehr detailliert vom Alltag während des Krieges, lässt dabei die Schrecken nicht aus und eröffnet uns so einen neuen Blick auf China. Ich mag die Sprachmelodie Yutangs bzw. jene der deutschen Übersetzung von Lino Rossi. Diese lässt uns so richtig tief in die Geschichte eintauchen, entführt uns in die Vergangenheit und bringt uns die Charaktere so nahe, als ob sie unsere Freunde wären.

Yutang hat viele Jahre seines Lebens im Ausland verbracht und auch auf Englisch veröffentlicht, vielleicht liegt es also daran, dass seine Bücher eine auch für Leser aus dem Westen verständliche Art und Weise das chinesische Leben, ihre Geschichte, ihre Traditionen und ihre Gesellschaft näher bringt. Es ist ein unverschleierter Einblick in den Alltag der chinesischen Bevölkerung, dabei wertet Yutang nicht, er nimmt als Autor keinerlei parteiische Stellung ein. Dafür schafft er Figuren, die die unterschiedlichen Strömungen der damaligen Zeit spiegeln und lässt diese sprechen.

Natürlich bietet die Handlung als Liebesgeschichte nicht viel Neues, aber das stört auch nicht, denn Yutang hat das Thema des Buches, die Schilderung des kriegsverheerten Chinas, so gekonnt ausgearbeitet, dass die eigentliche Handlung in den Hintergrund tritt und den Schilderungen des Alltags weicht.

Ich finde es sehr schade, dass Lin Yutangs Werke nicht neu aufgelegt und einer neuen Generation von Lesern zugänglich gemacht werden. Dieser Autor hat so viel zu bieten, so vieles, das noch immer aktuell ist, noch immer besprochen werden muss, dass ich überzeugt bin, dass er auch im 21. Jahrhundert noch seine Leserschaft finden würde.


Lin Yutang
Blatt im Sturm
Roman aus dem kriegsverheerten China
HC, 1954
Unionsverlag

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