[Rezension] Ae-Ran Kim - Mein pochendes Leben

Rückentext:
Arum leidet an Progerie, der Krankheit vorzeitigen Alterns. Er ist sechzehn, eigentlich aber schon achtzig. Mit den Jahren verschlechtert sich sein Gesundheitszustand so sehr, dass er stationär behandelt werden muss. Da seine Eltern kein Geld haben, nimmt er zur Finanzierung des Krankenhausaufenthaltes an einer Fernsehsendung teil, die um Spenden für Menschen in besonderen Notlagen wirbt. In der Folge lernt er per E-Mail ein krebskrankes Mädchen kennen, dem er sich bald in tiefer Zuneigung verbunden fühlt. Aus dieser Beziehung schöpft Arum neuen Lebensmut, bis er im Hospital zufällig ein Gespräch seiner Mutter mit dem Produzenten der Fernsehshow mithört und erfährt, dass das kranke Mädchen gar nicht existiert: Die Mails stammen von einer ganz anderen Person.

Meine Meinung:
Auch dieses Buch kam im Zuge meiner Mitgliedschaft beim "Anderen Literaturclub". Im Gegensatz zu "Die Strasse zum 10. Juli" fand dieses Werk jedoch weitaus weniger Anklang bei mir.

Dies liegt jedoch nicht daran, dass es ein schlechtes Buch ist. Das ist es nämlich nicht. Kim schreibt sehr frisch, leicht und tiefgründig. Sie lotet in ihrem Buch unser Leben bis ins kleinste Eckchen aus. Sie schaut hinter den Schleier und dann noch ein wenig weiter.

Für alle, die ein Interesse an unbekannten Krankheiten hegen, ist "Mein pochendes Leben" ein Geheimtipp meinerseits. Ich hatte zuvor noch nie von Progerie gehört. Kim erzählt uns durch Arum wie es ist, wenn der Körper schneller altert, als dass er eigentlich sollte. Ein 16-Jähriger im Körper eines 80-Jährigen.

Gleichzeitig ist dieses Buch aber trotz allem auch die Geschichte eines Teenagers und somit auch eine anrührende Coming-of-Age-Geschichte. Hier ist vor allem die Beziehung zu den Eltern hervorzuheben, die sehr eng ist und hier im Westen vielleicht als ein wenig merkwürdig angesehen wird. Hierzulande sind Eltern für Teenager wenn, dann meist eher sowas wie gute Freunde, in Asien ist die Eltern-Kind-Beziehung ganz anders gestaltet.

Man merkt als westlicher Leser immer mal wieder, dass die Handlung in einem uns fremd erscheinenden Teil der Welt stattfindet. Einige Ausdrücke musste ich nachschlagen, hier wäre es vom Verlag nett gewesen, die Namensbezeichnungen (z.B. von Gerichten) kurz zu erklären.

Nun führe ich hier also viele Punkte auf, die eigentlich für "Mein pochendes Leben" sprechen, dennoch schrieb ich gleich zu Beginn, dass mir das Buch nicht zusagte. Wieso also?

Weil all das nicht meins ist, ganz und gar nicht. Ich mag Emotionalität nicht. Aber kann man eine Geschichte über eine tödliche Krankheit ohne oder mit wenig Emotionen beschreiben? Wohl eher nicht. Deshalb lese ich selten Bücher über Krankheiten. Nicht, weil mich das Schicksal der Betroffenen nicht interessieren würde, sondern weil ich mich in solch aufwühlenden Gefilden unwohl fühle.

Aus demselben Grund bin ich auch kein Freund von Liebesgeschichten. Und davon gibt es in diesem Buch gleich zwei. Einmal wenn Arum erzählt, wie sich seine Eltern kennengelernt haben, und dann noch seine eigene. Sozusagen.

Hinzu kommt ein erzählerischer Kniff, der mir aber absolut nicht in den Kopf will. Die Szenen nämlich, als Arum aus der Ich-Perspektive von seiner Zeit im Bauch seiner Mutter erzählt. Nun gut, eine schöne Idee, um die Nähe zu seinen Eltern darzustellen, und ich denke, vielen Müttern wird genau das gefallen. Aber dann komme ich unromantischer Mensch daher und denke bloss, dass es gar nicht möglich ist, dass sich jemand an die Zeit als Embryo erinnert. Deshalb haben mich diese Seiten richtig gestört, teilweise sogar genervt.

Das sind die Gründe, weswegen ich sage, dass es kein schlechtes Buch ist, mir aber wirklich nicht gefallen hat. Es ist nicht meins, das ändert aber nichts daran, dass es gut durchdacht und geschrieben ist. Immerhin kann ich von mir behaupten, dass ich ab und zu über den Tellerrand gucke. Aber nach diesem Buch schaue ich lieber wieder auf die Mitte des Tellers. Vielleicht gibt es da was Leckeres.


Ae-Ran Kim
Mein pochendes Leben
HC mit Schutzumschlag, 1. Auflage 2017
cass

978-3-944751-12-2

Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring
Originalausgabe: Dugeun dugeun nae insaeng
Changbi, 2011

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