[Rezension] Therese Bichsel - Überleben am Red River

Rückentext:
Angelockt von den Beschreibungen des verschuldeten Hauptmanns Rudolf von May, eines Berner Patriziers, der Kolonisten anwirbt, wandern im frühen 19. Jahrhundert rund 170 Menschen aus Bern und Neuenburg nach Kanada in die Gegend des heutigen Winnipeg aus. Die hoffnungsvoll begonnene Reise in ein neues Leben steht unter keinem guten Stern. Die vollmundigen Anpreisungen des Hauptmanns entpuppen sich weitgehend als leere Versprechen. Als die völlig erschöpften Auswanderer bei Wintereinbruch endlich den Zielort am Roten Fluss erreichen, erwartet sie grosse Not. Die Frauen, über die in dieser Männergesellschaft verfügt wird, trifft es besonders hart.

Meine Meinung:
Therese Bichsel war mir aus meiner Zeit in Bern noch ein Begriff; ihr neuestes Buch haben wir an Lager und der Rückentext klang äusserst interessant. Niemand erinnert sich heutzutage gerne daran, dass die Schweiz vor noch nicht allzu langer Zeit ein Auswanderungsland war.

Bichsel wählt zwei Familien aus Bern und Umgebung, um ihrem Weg von der Schweiz bis nach Kanada und in die USA zu folgen. Dabei reisen die Rindisbachers und die Scheideggers lange gemeinsam, doch später trennen sich ihre Wege und ihre Schicksale. Die Töchter Anni (bei Abreise zehn Jahre alt) und Elisabeth (bei Abreise etwa 20 Jahre alt) fungieren dabei als Erzählerinnen. Durch ihre Berichte erfahren wir vom Mühsal der Reise, von Schicksalsschlägen im neuen Land, Enttäuschungen und kleinen Erfolgen. Man erhält einen Einblick in die von Männern dominierte Gesellschaft und die Zusammenarbeit von Europäern und Indianern.

Leider konnte mich "Überleben am Red River" in keinster Weise überzeugen. Und das obwohl Bichsel sogar Quellenangaben beisteuert, was mich zu Beginn sehr beeindruckte. In Romanen, selbst historischen, sind die Informationsseiten sehr kurz bis sogar fehlend. Dafür würde ich doch gerne wissen und überprüfen, woher ein Autor sein Wissen hat.

Meine Enttäuschung kommt daher, dass ich mit Bichsels Erzählstil nicht warm wurde. Ich hatte eine Geschichte erwartet, die eher auf Gefühl und Emotion setzt (wie oft bei historischen Romanen), doch Bichsel schreibt ganz anders. Nämlich im Sinne des anderen Negativs: zu oberflächlich. 

Die Familien und deren Mitglieder konnte ich nicht auseinanderhalten, Peter war die einzige Figur, die für mich ein Gesicht hatte. Alle anderen verschwammen zu einem grossen Einheitsbrei. Vor allem nachdem sich die Wege der Gruppen trennen, führte das bei mir oft zu Verwirrung.

Aber die schlichten Beschreibungen ziehen das gesamte Buch mit in diesen Einheitsbrei. Eine Familie (ja, ich weiss nicht welche) verliert einen Sohn. Hier darf es ruhig anrührend werden, sogar für mich, da so ein Verlust ein sehr derber Schicksalsschlag ist. Doch die Schwester berichtet im selben Tonfall über diesen Vorfall, wie sie Arbeitsvorgänge und die Reise zu Schiff beschreibt. Distanziert, ton- und konturlos, als ob sie im Kunstunterricht sässe und ein Referat hielte.

Dadurch verlor dieses Buch für mich mehr und mehr an Glaubhaftigkeit. Dann gab es eine Szene, die entweder sehr schlecht geschrieben ist oder einfach nur unlogisch. Das Schiff mit seinen Passagieren schippert irgendwo bei Grönland durch das Ewige Eis. Ich als Leser denke: "Das muss sehr kalt sein." Jedoch erwähnt die Autorin die Wetterbedingungen mit keinem Wort. Auch nicht, ob die Schweizer, die das europäische gemässigte Klima gewohnt sind, sich damit abmühen. Vielleicht haben sie Winterjacken eingepackt, aber meines Wissens nach reichen die bestimmt nicht aus, um sich im Ewigen Eis zurechtzufinden. Doch was passiert dann? Die Leute steigen aus und tanzen auf dem Eis rum. Ich weiss ja nicht derart viel über Eis und Grönland, aber diese Szene hätte eindeutig mehr Erklärungen gefordert. Da dachte ich kurz daran, abzubrechen.

Das tat ich dann zwar nicht, aber für mich war das Buch dahin. Ich las es eigentlich nur, um nicht ein weiteres Buch in meiner Abbruch-Liste zu haben. Leider wurde es auch mit der Ankunft in Kanada nicht besser. Weder für die Auswanderer, noch für mich als Leser. 

Es fehlen einfach die Details. Die Leute hätten in jedes nördlich gelegene Land auswandern können, es hätte an der Geschichte nichts geändert. Hintergrundinformationen über die Indianer? Spärlich. Tiefe im Allgemeinen? Eher nicht. Die Autorin versucht es zwar, scheitert aber leider kläglich. Die Handlung plätschert monoton vor sich hin, es geschehen Dinge (meistens schlechte) und dann ist das Buch zu Ende.

Weder hatte ich Interesse am Schicksal der Charaktere entwickelt, noch wirklich etwas Neues über die damalige Zeit erfahren. Für "Überleben am Red River" habe ich damit leider nicht mehr als ein müdes Achselzucken übrig.


Therese Bichsel
Überleben am Red River
HC mit Schutzumschlag, 1. Auflage 2018
Zytglogge

978-3-7296-0985-3

Kommentare

  1. Das ist echt schade! Dabei verspricht die Inhaltsbeschreibung einen guten, fundierten Roman. Aber wenn du dich dann nicht einmal mehr an die Familien erinnern kannst, spricht es eher für Bescheidenheit.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Ich hatte erst denselben Eindruck, weswegen ich das Buch ja auch gelesen habe. Aber schlussendlich war es dann doch eine ziemliche Enttäuschung. Dein Wort "Bescheidenheit" drückt es sehr gut aus.

      Viele Grüsse
      Jari

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