[Hörbücher] Franz Kafka - Brief an den Vater

Rückentext:
'Nie mehr Psychologie' heisst es bei Kafka in den Oktavheften. Gleichwohl: Der Brief an den Vater ist das Dokument einer sublimen psychologischen Hellsichtigkeit. In Andeutungen schildert der Sohn das für ein ganzes Leben Unglaubliche: Den unwiderstehlichen Drang des doch so kraftvollen Vaters aus dessen geheimem Gefühl der Inferiorität seinen eigenen Sohn zu demütigen und zu depravieren. Der 'absichtlich in die Länge gezogene Abschied' des Sohnes, der ihm von manchen Interpretinnen und Interpreten als die Obession des 'ewigen Sohnes' ausgelegt wurde, zeugt doch von der Verzweiflung, das ›Unglaubliche‹ mit seinem Glauben zu vereinbaren und nicht eher ruhen zu wollen. So dass es 'uns beide ein wenig beruhigen und Leben und Sterben leichter machen kann.'

Meine Meinung:
Den "Brief an den Vater" wollte ich mir schon lange einmal zu Gemüte führen und als es bei einer Challenge darum ging, eine posthume Veröffentlichung zu lesen, war das meine Chance. Nun ergab es sich, dass ich das ungekürzte Hörbuch gehört habe; für mich eine gute Alternative.

Ich verleugne nicht, dass mir dieser Text sehr nahe ging. Man merkt, dass dieser Brief eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht war - das Schreiben ist sehr persönlich, offen, Kafka legt seinem Vater alles dar, was ihn berührte, bewegte. Also kam ich nicht umhin, mich zu fragen, ob man solche privaten Sachen überhaupt veröffentlichen sollte, selbst wenn es dabei posthum ist.

Man erhält hier einen tiefen, intensiven Einblick in Kafkas Kindheit und seine Beziehung zu seinem Vater. Dass diese alles andere als gut war, wissen die meisten. In "Brief an den Vater" legt der Autor alle Karten offen auf den Tisch, zeigt auf, was geschehen ist, sucht nach Gründen, streift Themen, die die Familie bewegt haben. Dabei klagt er seinen Vater trotz aller Vorkommnisse nicht an, man merkt trotz allem die Liebe des Kindes zum Vater.

Nach der Lektüre (oder in diesem Falle dem Hören) kommt man in Versuchung zu sich fragen, was wohl geschehen wäre, hätten Kafka und sein Vater eine andere, bessere, innigere Beziehung gehabt. Hätte Kafka dasselbe geschrieben? Müssten wir auf weltbewegende Texte wie "Die Verwandlung", "Das Schloss" oder "In der Strafkolonie" verzichten? Vielleicht. Aber was wiegt schwerer? Weltliteratur oder die seelische Gesundheit eines Menschen? Ich auf jeden Fall hätte Franz Kafka trotz allem gewünscht, eine behütete Kindheit verleben zu können.

Mein Hörbuch wurde gelesen von Axel Grube und stammt aus der Reihe "Hören und gut verstehen" des Verlages Onomato. Dies bedeutet, dass sehr langsam und deutlich gelesen wird. Bei einem Roman hätte mich dies wahrscheinlich sehr gestört, aber bei "Brief an den Vater" passt es. Es erhöht die Intensität der freigelassenen Gefühle, zieht den Zuhörer unaufhörlich in seinen Bann. Die eingefügte Musik ist schauderhaft, passt aber sehr zur gesamten Stimmung in diesem Brief. Zum Glück wurde jedoch nicht allzu häufig darauf zurückgegriffen.


Franz Kafka
Brief an den Vater
Gelesen von Axel Grube

Ungekürzte Lesung, 2 CDs
Laufzeit ca. 100 Minuten
Onomato

978-3-94286414-5

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

[Rezension] Marc-Uwe Kling - Die Känguru-Apokryphen

[Rezension] Franz Werfel - Eine blassblaue Frauenschrift

[Rezension] Tschingis Aitmatow - Der Erste Lehrer