[Rezension] Franz Werfel - Eine blassblaue Frauenschrift

Rückentext:
Ein Tag im Herbst 1936: Der Aufsteiger Leonidas, Sektionschef in einem Wiener Ministerium, erhält einen Brief seiner einstigen jüdischen Geliebten, der seine soziale Existenz gefährdet. Werfel zeichnet in seinem »kurzen Roman« ein spannend erzähltes Porträt einer von Norm- und Subjektkrisen gezeichneten Epoche, einer Zeit, die so unberechenbar erschien, dass das Ich nicht einmal seiner selbst sicher sein konnte. (Amazon)

Meine Meinung:
Dieses Büchlein ist mir im letzten Jahr immer mal wieder über den Weg gelaufen und schlussendlich fasste ich den Entscheid, dass ich es nun endlich mal lesen müsse. Dass es gleich zu mehreren Challenges passt, ist ein weiterer Pluspunkt für Werfels Werk.

Die Geschichte spielt sich nur innerhalb eines einzigen Tages ab und ist dabei sehr ruhig und bedacht erzählt. An einigen Stellen wechselt die Erzählperspektive und auch die Beschreibungen des Wetters im Oktober sorgen für Atmosphäre. Gleichzeitig widerspiegeln diese das Innenleben unseres Helden.

Interessanterweise ist Leonidas nicht wirklich ein sympathischer Character, aber auch kein Antagonist. Er ist ein Mensch, wie es viele gibt, gab und geben wird. Sie lassen sich von aktuellen Strömungen tragen, profitieren und sind doch eigentlich ziemlich schwach. Mir persönlich kam Leonidas vor wie der bekannte "Fisch in der Hand".

Dabei ist er wohl der Prototyp der damaligen höheren Gesellschaft. In Deutschland gehen seltsame Dinge vor sich, in Österreich und dem Rest der Welt guckt man schief und beobachtet erst einmal. Ist ja alles irgendwie weit weg.

Doch dann geschieht etwas und es macht klick. Plötzlich hat Leonidas irgendwelche kuriosen Ideen und Fantasien und kann diese nicht mehr von der realen Welt unterscheiden. Wenn ich ehrlich sein darf - ich habe mich da auch selbst wiedererkannt. Zum Glück habe ich in meinem Leben einen Anker, der mich in solchen Situationen wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Werfels Held fehlt dieser Halt.

Aber genau diese Schwäche lässt Leon, wie er von seiner Gattin genannt wird, auch glaubhaft wirken. Er ist ein ganz normaler Held, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Werfel schreibt ohne Pathos, es ist eine Geschichte, die einem jeden in irgendeiner Weise widerfahren könnte. Auch das Thema des Zweiten Weltkrieges ist nicht dominant, aber es lauert im Hintergrund und drängt sich in Form von Vera in Leonidas Bewusstsein.

Somit ist "Eine blassblaue Frauenschrift" ein kurzes, aber äusserst lesenswertes Buch, das mir wirklich Eindruck gemacht hat.


Franz Werfel
Eine blassblaue Frauenschrift
HC, 2008
Süddeutsche Zeitung

978-3-86615-542-8

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